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PROZESSE

Bevor Sie automatisieren: Wie Sie Ihre Abläufe in zwei Wochen sichtbar machen

Die meisten gescheiterten Digitalisierungsprojekte scheitern nicht an der Technik, sondern daran, dass niemand genau wusste, wie der Prozess vorher lief. Eine Anleitung ohne Beraterdeutsch.

29. Juli 20266 Min. LesezeitLeon Ostermann

In vielen Kanzleien existiert der eigentliche Prozess nur in den Köpfen. Frau Müller weiß, welche Mandanten ihre Belege immer per WhatsApp schicken. Herr Schneider weiß, dass bei der Bau-GmbH die Ausgangsrechnungen erst nach dem Zehnten kommen. Das funktioniert, solange beide da sind. Es funktioniert nicht mehr, wenn jemand geht – und es lässt sich nicht automatisieren, weil niemand aufschreiben kann, was er nie aufgeschrieben hat.

Die gute Nachricht: Prozessdokumentation muss weder Monate dauern noch nach Unternehmensberatung aussehen. Zwei Wochen nebenher reichen für ein Bild, das gut genug ist, um Entscheidungen darauf zu stützen.

Woche 1: Mitschreiben statt nachdenken

Der häufigste Fehler ist, sich in einen Raum zu setzen und zu überlegen, wie der Prozess eigentlich sein sollte. Dabei entsteht ein Wunschbild, kein Abbild. Besser: eine Woche lang mitschreiben, was tatsächlich passiert – stichwortartig, direkt im Moment. Drei Spalten reichen.

  • Was habe ich getan? (ein Satz, keine Prosa)
  • Woher kam der Anlass? (Mail, Anruf, Frist, DATEV-Hinweis, Kollegin)
  • Wie lange hat es gedauert und was hat es unterbrochen?

Wer dafür ein Werkzeug sucht: Eine geteilte Tabelle reicht völlig. Wichtig ist nur, dass alle im Team dieselben drei Spalten benutzen und dass niemand das Gefühl hat, kontrolliert zu werden. Sagen Sie offen, wofür die Aufzeichnung gedacht ist – sonst wird geglättet, und Sie dokumentieren wieder ein Wunschbild.

Woche 2: Verdichten auf fünf bis acht Abläufe

Aus den Notizen der ersten Woche schauen Sie in der zweiten, welche Vorgänge sich wiederholen. In den meisten Kanzleien landen Sie bei fünf bis acht wiederkehrenden Abläufen, die zusammen den Großteil der Zeit binden. Typischerweise sind das: Posteingang bearbeiten, Belege nachfordern, Buchhaltung vorbereiten, Rückfragen klären, Fristen überwachen, Berichte und Auswertungen erstellen, Mandanten onboarden.

Die drei Fragen, die den Unterschied machen

Nachdem die Abläufe stehen, gehen Sie jeden einzelnen mit drei Fragen durch. Diese Fragen sind der eigentliche Wert der Übung – nicht das Dokument.

  • Wo warten wir auf jemanden? Wartezeiten sind der größte versteckte Kostenblock und fast immer automatisierbar.
  • Wo tippen wir etwas ab, das anderswo schon digital vorliegt? Jede Übertragung von Hand ist eine Fehlerquelle und eine Automatisierungschance.
  • Wo entscheidet ein Mensch – und wo führt er nur aus? Nur der ausführende Teil darf weg. Die Entscheidung bleibt.

Was Sie bewusst nicht dokumentieren sollten

Der Impuls, alles zu erfassen, führt zu Ordnern, die niemand liest. Verzichten Sie auf Sonderfälle, die zweimal im Jahr vorkommen, auf Prozesse, die ohnehin vor der Ablösung stehen, und auf jede Form von Detailtiefe, die Sie nur für die Vollständigkeit ergänzen. Ein Dokument, das gepflegt wird, ist zehn Dokumenten überlegen, die aktuell waren, als sie geschrieben wurden.

Der Nebeneffekt, der oft wichtiger ist

Auch ohne jede Automatisierung zahlt sich die Übung aus. Dokumentierte Abläufe verkürzen die Einarbeitung neuer Mitarbeitender erheblich, sie machen Urlaubsvertretungen planbar, und sie nehmen der Kanzlei die Abhängigkeit von einzelnen Personen. In einem Markt mit über zehntausend offenen Stellen in der Branche ist das für sich genommen schon ein Argument.

Automatisierung macht einen guten Prozess schneller und einen schlechten Prozess schneller falsch.

Und dann?

Wenn die fünf bis acht Abläufe auf dem Tisch liegen, nehmen Sie den mit dem größten Warteanteil und der geringsten fachlichen Tiefe. Das ist fast immer die Belegnachforderung oder der Posteingang. Diesen einen automatisieren Sie – nicht alle gleichzeitig. Danach wissen Sie aus eigener Anschauung, was der nächste Schritt wert ist, statt es schätzen zu müssen.

Wir machen die Prozessaufnahme mit Ihnen

Sie brauchen dafür keine Vorarbeit. Im Erstgespräch gehen wir Ihre Abläufe gemeinsam durch und sagen Ihnen ehrlich, welcher davon sich lohnt – und welcher nicht.

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Gründer von Ostermann Systeme, Düsseldorf

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